Sittliche Nacktheit

Erlebte Geschichten

Wer in Berlin gelebt hat, der weiß, dass in Berlin Gesundheit geschätzt und gepflegt wird. Es handelt sich um eine Art Gesundheit, die durch Harmonie mit der Natur und der Umwelt erreichbar wird. Tatsächlich zogen viele Einwohner der Stadt eine Radfahrt zum Bioladen statt der Autofahrt zum Supermarkt vor. Und wer sich durch Berlin auf einen Spaziergang begeben hat, der kann nur die Berliner um die zahlreichen Bademöglichkeiten beneiden. Laut Berliner Bade-betriebe gibt es in Berlin 37 Bäder. Noch dazu gibt es die unterschiedlichen Gewässer, die Berlin umgeben und an warmen Sommertagen den Badelustigen die Möglichkeit bieten, ihre Kleidung auszuziehen und, frei, die Natur zu geniessen. Es ist schön in Berlin nackt zu sein! Ich habe es probiert und es hat mir gut gefallen.

Nacktheit in der Natur und beim Baden ist nicht nur ein »Berliner«, sondern auch ein deutsches Phänomen. Die Geschichtsprofessorin Dagmar Herzog, die sich mit dem Thema »Sexualität in Deutschland im 20 Jahrhundert« beschäftigt und darüber ein Buch veröffentlicht hat, behauptet, Deutschland habe am Anfang des 20 Jahrhunderts »die liberalste Sexualkultur der Welt« gehabt. Anders gesagt, in diesem Zeitraum entwickelt sich in Deutschland eine andere, neue Beziehung zum Körper.

Nun müsst ihr euch fragen, wie kam es dazu, dass ein Volk, das im 19. Jahrhundert verklemmt gereglt war, am Ende desselben Jahrhunderts die Hülle fallen ließ?

Noch vor der Jahrhundertwende war die Hülle weg vom Körper. Die von der Last der Kleidung befreiten Deutschen bezeichneten sich als Mitglieder der »Freikörperkultur«. Allein die Wortwahl macht es deutlich, dass es sich um mehr als Nacktheit handelte, nämlich, um eine »Kultur des Nacktseins«. Schon zu Beginn des 19 Jahrhunderts hatten die Ärzte festgestellt, dass wenn man stark und gesund bleiben will, braucht man frische Luft, das Sporttreiben und eine gesunde Ernährung. Diese Enthüllung des Körpers durch Freikörperkultur kann als eine sittliche Reaktion gegen die menschenunwürdigen Lebensverhältnisse betrachtet werden, mit denen sich die Gesellschaft konfrontiert sah.

FKK bot den Deutschen und insbesondere den Ärmeren die Möglichkeit, ein anderes und menschlicheres Leben auszuprobieren. Denn zu dieser Zeit geschah ein deutscher wirtschaftlicher Aufschwung, aufgrund dessen um die Jahrhundertwende eine weitgehende Urbanisierung in Deutschland stattfand. Das heißt, die Dörfer wurden immer leerer, während die Bevölkerung der Städte enorm aufschwoll. So wurde »der Raum in den industrialisierten Großstädten immer enger und die Luft immer drückender«. Die Wohnungsnot und die Elend trieben die ärmeren Familien dazu, ihren ohnehin kleinen Wohnraum mit anderen Familien zu teilen. Nicht selten vermieteten sie sogar ihr Bett an einen oder mehrere Industriearbeiter, die es sich abwechselnd bedienten.

Stellt ihr euch das vor: vor dem 19. Jahrhundert gab es keine öffentlichen Bäder in Deutschland! In der Tat wurde es jahrhundertelang nicht gebadet, denn »das Meer galt als unheimlich und unkultiviert, nicht zur körperlichen Erbauung geeignet«. Aber Ärzte, die von der Heilkraft des Meeres überzeugt waren, konnten allmählich die Tendez ändern, indem sie immer häufiger Meeresbäder »als Gesundbrunnen für die Industriearbeiter« empfahlen. Genau um diese Zeit wurde Turnen in Deutschland eingeführt. Friedrich Ludwig Jahn, bekannt als Turnvater, sah ein, wenn Deutschland militärisch stark sein wollte, müsste man sich erst darum kümmern, dass seine Jugend »leiblich und geistig« ausgebildet werden würde. Jahn veranstaltete deswegen regelmäßig mehrere Massenübungen. So ist es, dass es im Laufe des 19. Jahrhunderts dazu kam, dass der Alltag der Mehrheit der Deutschen immer mehr dem gesammelten Wissen über die geeignete Lebensart für den Menschen widersprach.

Empört von diesem menschenunwürdigen Leben machten sich die von der Jugend unterstützten Denker auf die Suche nach einer Alternative. Schon wurde die Lebensreformbewegung geboren. Diese Bewegung hatte viele verschiedene teile, darunter: die Freikörperkultur (FKK) und der Wandervogel; die Reformpädagogik und der Vegetarismus; usw. Sie versuchten alle den Menschen ein gesunderes Leben zu verschaffen.

Bei der Freikörperkultur wurde die Kleidung als Hauptfeind des Menschen genannt. Ihrer Meinung nach war es eben die Kleidung, die die unsittliche Neugierde in Menschen weckte; nicht das Gegenteil. Die Kleidung verhüllte den Körper, um gleichzeitig daraus ein unwiderstehliches Geheimnis zu machen, dem die Menschen leicht zum Opfer fielen. Ein Pionere der Freikörperkultur notierte: »Und endlich muss an dieser Stelle auch die moderne Badehose erwähnt werden, dieses unanständigste Kleidungsstück, das sich denken lässt, weil sie den Blick mit Gewalt auf diese gewisse Stelle lenkt und mit Fingern auf sie zeigt: da ist etwas Heimliches, etwas, was versteckt wird, wie ein Osterei, etwas ganz Apartes, also geradezu entsittlichend wirkt dieses Kleidungsstück«. Nackt gingen die FKK-Mitglieder wandern und badeten; sie trieben Sport, aßen gesund und pflegten ihre Körper. In FKK sprach man über alles, nur nicht »über Körperliches«.

Man kann den Erfolg der Freikörperkultur zwei Faktoren zuschreiben. Erstens, erklärte sich die Bewegung als eine moralische: es gehe um den »entsexualisierten« Körper. Zweitens boten viele FKK-Vereine mehr als bloß die Möglichkeit, nackt die Sonne zu geniessen; sie sorgten auch für die Gesundheit der Menschen.

2 Kommentare zu Sittliche Nacktheit

  1. Der wahre Grund für den Erfolg der FKK liegt vielmehr in der moralischen Dekadenz der Deutschen. Mag man versuchen, es in trügerischer Manier umzukehren, doch bleibt die traurige Tatsache stets wahr: der Mensch neigt zum Übel, ohne Disziplin missrät er, nur Überwindung und Rute erheben ihn zum geistigen Wesen. Entartungen wie die FKK müssen zwangsläufig zur Verrohung und Entsittlichung führen, und so ist es ja schließlich auch gekommen.

    • eswerdelicht // 2. Oktober 2015 um 17:50 // Antworten

      Unserer Meinung nach stimmt das überhaupt nicht. Der Mensch hat den Anspruch darauf, seine Personalität frei entfalten zu können. Was das heißt ist bei jedem Menschen anders und führt natürlich auf eigene Wege. Die Sittlichkeit selbst ist schließlich auch eine Machtkonstruktion, und noch dazu eine alte. Als dekadent werden zu oft die echten Wahrzeichen des Fortschritts bezeichnet. Einer wahren, fortschrittlichen Zukunft dienend, muss man diese Konstruktionen wenigstens hinterfragen – und wenn nötig, zerschlagen.

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